Heute früh ging ich hinaus, um ein wenig die Gegend zu erkunden und einzukaufen. Es war ein guter Morgen, ich hatte meinen Lieblingssoundtrack im Ohr und schaute dem Tag voller Erwartung entgegen. Ich war kaum zehn Schritte gegangen, da fiel mir ein Kaffeehaus auf der anderen Straßenseite auf. Koffieklap hieß es, ein süßer Name, fand ich. Davor waren Tische und Stühle und eine Sitzbank hinter einem Zaun, wie er am Meer oft kilometerlang steht, aufgebaut. Auf dem Tisch war keine Menükarte, aber ich vermutete, dass die Preise vernünftig sein würden in diesem Teil der Stadt. Ich lugte hinein und sah eine blonde Frau hinter der Theke. Innen war alles wirklich hübsch ausgestattet, rosa und gold und weiß waren dominierend. Es sah sehr gemütlich aus. Auf dem Kaffeetisch draußen lag eine Plakette „Binnen bestelen“, also ging ich hinein.
„Ik nem een koffie!“, sagte ich zögerlich, wie immer, wenn ich mein Niederländisch erprobte. An meinem strahlenden Gesichtsausdruck änderte sich jedoch nichts. Im Gegenteil. Kaffeetest in neuem Café in Aussicht, juhu! „Kleen of groot?“, fragte die Dame freundlich, mit den Fingern die Größe der Tassen ungefähr andeutend; die Bestellung hatte wohl nicht allzu überzeugend geklungen. „Kleen. Met… With milk… Met melk.“ Die Dame lächelte. „Milk on the side?“ „Yes please!“
Ich machte es mir auf der Sitzbank draußen gemütlich und zog mein Buch aus der Tasche, das ich gerade las. Es war scheinbar ein wirklich guter Tag, denn ich weiß nicht, ob ich ebenso viel gelacht hätte bei den witzigen Stellen im Buch, wenn ich nicht so gut gelaunt gewesen wäre. Nun aber riss mich die Story so mit, dass ich mich beinah schämte, wenn Leute vorbeigingen und ich mit bebenden Schultern dasaß.
Ich ging nach etwa einer Stunde hinein, um zu bezahlen und nach der Toilette zu fragen, die dann gerade besetzt war. Da bemerkte ich beiläufig, dass es sehr hübsch drin aussehe. Es war wirklich schön eingerichtet: Küchenkästen im Vintage-Style, goldene, moderne Lampen von der Decke, gemütliche Sitzplätzchen, ein paar Poster an den Wänden, aber nicht überwältigend viele wie in manch anderen Cafés, ein Open-Concept für die Geschirraufbewahrung. Die Frau bedankte sich freudig. Ihr Gesichtsausdruck war warm und aufrichtig. „Do you know the story of the place?” Ich verneinte. Sie begann, die Kaffeemaschine zu putzen. „It was started as a place for prostitutes to come and have a place to have a coffee, and all the money goes to those women who wanna get out of the window. We are a little behind because the shop had to shut down for a while, and all the workers are volunteers…” Ich war hin und weg; eine solche ‘story’ hatte ich nun wirklich nicht erwartet. Mir kam der Gedanke, dass die meisten Leute Prostituierte Prostituierte sein lassen wollten, weil es sie ja nichts anging, und das Geschäft eines wie alle anderen sei. Diesen Frauen ‚helfen‘ zu wollen war für viele beinahe eine Beleidigung. Das wollten für gewöhnlich… „We started this as a Christian group, kind of.“, fügte die Frau da hinzu. Ja, das konnten auch nur Christen sein.
„That’s wonderful!“, meinte ich enthusiastisch, und stellte allerlei Fragen und drückte meine ehrliche Begeisterung immer wieder aus. Zwei Wochen zuvor war ich zum ersten Mal in Amsterdam gewesen und hatte zum ersten Mal diese ‚Frauen im Fenster‘ gesehen. Das hatte mir den ganzen Aufenthalt in der berühmten Stadt verdorben. Unbedingt hätte ich diesen Frauen helfen wollen. Aber es ging nicht. Mir war spontan die Idee gekommen, vor das Fenster zu stehen und ihnen ein Schild mit ‚Jesus liebt dich!‘ hinzuhalten… Aber ich war gleichzeitig nur froh gewesen, aus dem Rotlichtviertel, in das wir versehentlich hineingestolpert waren, wieder raus zu sein.
„Uhm…“ Die Frau schien zögerlich. „Do you pray at all?”
Mit großen Augen schaute ich sie an. „Yes! Yes, I do.“ Ich überlegte, ob sie vielleicht das goldene Kreuz um meinen Hals gesehen hatte.
Sie fragte mich, ob ich denn den Shop in meine Gebete mit einschließen könne. Außerdem sei ich jederzeit als Volunteer willkommen. Ich war begeistert. Natürlich wollte ich. Ein Job auf Freiwilligenbasis genau um die Ecke? Schließlich stellten wir uns vor und schüttelten die Hände.
In dem Moment kam auch eine andere Frau, um irgendetwas in einer Schublade zu holen.
„That’s my sister. She’ll be here fort wo days, then she has to go to school again.” Auch wir stellten uns einander vor. “I just asked her if she prays.”, erklärte die Frau ihrer Schwester. „I hesitated, but then God told me to ask her.”
“Yes, I’m a Christian.”, erklärte ich.
In dem Moment kam der Gast aus der Toilette und ich ging hinein, mit einem Strahlen im Gesicht, dass man meinen konnte, ich hätte den Sechser im Lotto gewonnen.
Naja, das hatte ich ja irgendwie auch. In einer Stadt, wo ich schon gefürchtet hatte, dass man Sünde in manchen Gassen schon riechen konnte, war ich als allererstes in ein christliches Kaffeehaus gestolpert.
Beim Abschied sagte ich noch einmal, dass ich mir überlegen wollte, hier zu arbeiten. Die Frau versprach, auch für mich zu beten heute. „God bless you!“, rief sie mir im Singsang nach, als ich hinausging.
Und damit machte ich mich auf den Weg in den Supermarkt. Hinter mir hörte ich noch: „God is everywhere!“