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Blamagen sind gesund

Der erste Tag des Sprachkurses für Erasmusstudenten war echt ein Erlebnis. Außer durch die wundervollen Worte und Phrasen, die wir in unsere Gehirne gehämmert bekamen, durch die neue Welt, die sich uns auftat, verankerte sich der Tag in meinem Gedächtnis durch meine Ungeschicktheit.

 

Wir mussten in die Mitte des Raumes kommen. Die Tische waren in der bei Schülern meist unbeliebten U-Form aufgestellt. Wie in Zeitlupe erhoben sich die faulen Studiosis von ihren Plätzen und bahnten sich umständlich ihren Weg durch Taschen und Tische, bis in die Mitte. Ich, voller Elan, wollte eine Abkürzung nehmen und kroch unter den Tisch. Das hatte schließlich zu früheren Zeiten auch schon oft geklappt. Dumm nur, dass der Tisch nicht nur Beine hatte, sondern zwischen den zwei vorderen auch noch eine breite Stange, die mir das Durchkriechen unmöglich machte. Zwar versuchte ich es, blieb aber auf halber Strecke stecken, als diese Stange ein paar meiner Wirbel abklapperte. Ich wollte nicht wie eine Schlange ganz auf dem Boden herumkriechen, also tauchte ich verlegen wieder auf. Der nächste logische Weg schien mir über den Tisch. Trotz des Rockes stieg ich selbstbewusst darauf. Ich hatte schließlich ordentliche Leggins an. Und groß genug, um dieses Tischlein im Handumdrehen bewältigt zu haben, glaubte ich auch zu sein. Das Problem war jetzt bloß, dass sich die mangelnden Vorderbeine des hochmodernen Tisches bemerkbar machten. Jedenfalls kippte der Tisch plötzlich hintüber. Wenn ihn nicht alle um mich herum hektisch festgehalten hätten und Flasche und Stifte aufgefangen hätten, wäre ich am Boden gelegen, inmitten meiner Siebensachen. Ich konnte meine Tollpatschigkeit kaum fassen und mich nur schwer halten vor Lachen. Nichtsdestotrotz stand ich endlich bei den anderen in Zimmermitte. 

 

In diesen peinlichsten Momenten des Lebens scheint alles egal zu sein. Alles, was da ist, ist die eigene elende Wenigkeit und alle überlegenen Mitmenschen. Und wenn einem schon jemand überlegen ist, dann braucht man sich sowieso um nichts mehr Gedanken zu machen. Die Letzten werden die Ersten sein, und ich war gerade gewissermaßen befreit worden von allen Ängsten vor den anderen, und war somit der absolute Gewinner. Es tut nur nichts Gutes, in diesen Augenblicken in Tränen ausbrechen zu wollen, die Lippen zusammenzukneifen und kein Wort mehr zu sagen. Dann spürt man die Beförderung auf den ersten Platz nicht sofort, sondern erntet ihn vielleicht wirklich erst im Himmelreich. Manchmal darf man auch über sich selbst lachen, auch wenn man der Einzige ist. Sei's, weil man sich lustig findet, sei's aufgrund eines Missgeschicks. Lachen ist gesund, und die Auslöser für Gelächter sollten wir als wahre Geschenke des Himmels annehmen.