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Die kleinen Dinge

Ich kann nicht mehr. Ich hab keinen Bock mehr. - Das waren meine ersten Gedanken, als ich heute aufwachte. Kopfschüttelnd saß ich im Bett. So mies war ich noch nie aufgewacht. Hatte ich was Komisches geträumt?

Das Beste, was ich jetzt wohl machen konnte, fiel mir ein, war, mich an Gott zu wenden, der weiß, warum und wieso, der meine Träume kennt und meine Ängste und Launen. "Hilf mir, diesen Tag wieder für dich zu leben, mit allem, was kommt..."

Kennt ihr solche Momente, oder auch ganze Tage? Meine Nerven lagen wirklich blank. So, als hätte ich nicht geschlafen, sondern die letzten Stunden in argem Stress verbracht.

Die zwei Duschen in meinem Studentenheim mit zwanzig Bewohnern liegen drei Stöcke tiefer, und nur, wenn man Glück hat, ist grad eine frei. Ich entschied mich für's Trockenshampoo, so unwohl ich mich auch fühlte nach den bereits paar Tagen ohne Dusche. Ich hatte auch wirklich nicht die Nerven dazu, in die Küche nach unten zu gehen, meinen Küchentresor aufzuschließen und unter Hin und Her auf dem klebrigen Küchenboden und dem dreckigen Herd  Frühstück zu machen. Außerdem war das Letzte, was ich wollte, einem von diesem primitiven Mitbewohnern zu begegnen, die nur wieder von ihrem Hangover am Vortag erzählen konnten. Also machte ich mich zuallererst auf den Weg zu diesem Supermarkt, den ich schon seit Tagen besuchen wollte. Der Laden an der Ecke ist einfach viel zu teuer. - Ich war dort, schloss mein Rad ab- aber der Supermarkt öffnete erst um 12. Ehrlich? Es war Montag!

Ich machte mich zum nächsten auf, entschied mich gegen ein Schokocroissant aus der Backbox und besorgte mir viel Gemüse. Die letzten Wochen hatte ich unerhört ungesund gelebt. Jetzt war es Zeit für eine Veränderung. Allerdings konnte ich mir nichts kaufen, das im Kühlen gelagert werden musste, weil der Kühlschrank im Heim noch nicht lief und der Vermieter meine Benachrichtigungen auf WhatsApp eiskalt ignorierte.

Daheim machte ich mir Ei mit Spinat. Und einen Kaffee. Als ich die H-Milch, die in diesem Land Standard scheint, aus meinem Schränkchen nahm, wunderte ich  mich, dass ich so wenig davon verbraucht hatte. Sie schien noch ziemlich voll. 'Platschplatsch'- weiße Klümpchen im Kaffee und ich wusste, warum die Packung noch so schwer war... Ich hatte den Tag Gott geschenkt, mit ALLEM, was kam. Also versuchte ich, ruhig zu bleiben und schüttete den sauren Kaffee in den Abguss und begann das Spiel mit Wasser im Topf kochen, Filter aufsetzen und so weiter noch einmal. Jetzt glaubte ich dem Studenten, der mir weismachen wollte, dass man offene H-Milch sehr wohl auch in den Kühlschrank stellen musste.

Wohin dieser Tag noch führt, weiß ich nicht. Aber ich bin gespannt. Jetzt beim Niederschreiben klingt alles nicht so arg, aber in den einzelnen  Momenten scheint alles ganz fürchterlich.

 

Gott lenkt die Welt. Was ist schon dabei, wenn man mal fettiges Haar hat, Kaffee verschwenden muss oder sich danach sehnt, dass endlich die Putzfrau ins Heim kommt... Es ist nur unser Gemüt, unsere Gefühle, die vielleicht auch mit körperlichen Problemchen zusammenhängen, die uns aufquatschen wollen, wie schlimm alles ist. Solche Tage sind hart. Mir hilft es da, mich wie ein Außenstehender als eine Maschine zu betrachten, die nichts aus der Fassung bringen kann, und ohne Zaudern und Aufregung einfach zu tun, was getan werden muss. Auch, wenn es gefährlich scheint, an solchen Tagen auf die Straße zu gehen und Menschen zu begegnen und Pflichten nachzukommen, sollten wir es doch tun- an der Hand des Vaters, der das kleine Kind festhält, egal, was es tut. Und vergessen wir nicht, dass auch diese schwierigen Tage ein Ende nehmen!

'Es sind die kleinen Dinge im Leben...'- die das Leben entweder schön oder schrecklich machen. Ich will heute besonders auf die kleinen Dinge achten, die es schön machen, auch wenn die kleinen Unglücke erdrückend scheinen. Die Sonne scheint, Schokolade schmeck noch genau so gut und Musik ist genau so himmlisch wie an anderen Tagen.