Auf dem Heimweg von der Uni machte ich Halt bei einer der schönen, gotischen Kirchen, die in Antwerpen so zahlreich, jedoch meist verschlossen sind. Diese kleine Gnadenkapelle im Anbau der Kirche war allerdings täglich geöffnet.
Ich wollte drin meinen Rosenkranz beten.
Als ich hineinkam, waren ein junges Mädchen und ein älterer Herr vorne am Kerzenständer. Das Mädchen machte eigenartig kleine Schritte und ging leicht vornübergebeugt. Ich dachte zuerst, sie wollte leise sein und versuchte, zu schleichen, aber sie änderte ihren Schritt nicht, als sie zur Tür hinausging, die ihr der Mann aufhielt. - Etwas später schritt ein junger Mann herein: Ich muss gestehen, ich war überrascht. Er wäre wohl der Letzte gewesen, den ich an einem solchen Ort vermutet hätte. Er hatte in beiden Ohren vier oder fünft goldene Ohrringe, eine Hipster-Jeans und ein Baseball-Cap, das er abnahm und auf den Altar der Heiligen Rita legte. Er begann ohne zu zögern, die Heiligenfiguren der Heiligen Rita, des Heiligen Antonius und der Madonna zu berühren und dann jeweils über seinen Glatzkopf zu streichen oder die Fingerspitzen zu küssen. Dann zündete er zwei Kerzen an, schmiss ein paar Münzen in die Kassen und setzte sich in die vorderste Reihe. All das geschah wie ein routinemäßiger Ablauf. - Und ich nahm mir wieder einmal vor, Leute nicht vorschnell wegen ihres Aussehens einzuordnen und zu kritisieren. - Dann kam ein Paar herein. Sie saßen zunächst in der hintersten Reihe. Dann gingen sie nach vorn, der Mann zündete eine Kerze an, schließlich umfassten beide mit ihren Händen die Kerze, der Mann legte seinen Arm um ihre Hüfte, und so standen sie eine Weile dort. Ich betete inniglich für ihr Anliegen, sei es ein Wunschkind, eine Zukunftsangst oder eine Krankheit.
Etwas später kam ein älterer Mann in schäbiger Kleidung, der sich auf seinen Regenschirm stützte. Er ging geradewegs auf die Kerzenständer zu und begann, Ordnung zu schaffen: er sammelte die abgebrannten Kerzenbehälter zusammen, verräumte die Streichholzschachteln und ordnete die Kerzen symmetrisch an.
Ich war gerührt... Der Himmel sieht nicht nur die Kerzen, die angezündet werden und wie Gebete nach oben steigen, sondern besonders auch diesen Mann, der vielleicht keinen Euro erübrigen konnte, der aber dafür seinen unsichtbaren Teil beitrug, ein Schatz, der für die Welt unsichtbar, ein Nichts ist, den nur Gott sieht. Aber in dem Herzen von diesem Mann brannte womöglich ein noch viel helleres Licht als das aller Kerzen in der Kapelle zusammen.