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Update Erasmus- Wenn nichts mehr geht

 

Man hat uns ja angekündigt, dass alle Erasmus-Studenten früher oder später ein tiefes Tief erreichen. Ich hab allerdings gehofft, eine Ausnahme zu sein. Warum sollte mir das passieren? Ich bin taff, habe Gott auf meiner Seite, kann alles schaffen. 

Die letzten Tage zittern meine Hände ständig. Meine Knie sind manchmal wie Gummistangen. Psychisch ist es eine ziemliche Achterbahn. Drei Abende hintereinander hab ich auf dem Bett gesessen und geheult. Vorgestern war der Grund hauptsächlich, dass ich mein Handy verloren hab. Das hatte das Fass einfach zum Überlaufen gebracht. Einen Monat zuvor hab ich mich tierisch über meine kleine Schwester aufgeregt, die ihr Handy im Ikea verloren hat. Und jetzt war ich selber dran. Ich war nur auf dem Klo an der Uni gewesen, hatte das Handy wie so oft auf den Klopapier-Kasten gelegt und dort vergessen. Keine fünf Minuten später bemerkte ich es und ging zurück. Es war weg. Nur noch das Post-It, das ich an jenem Morgen auf die Handyhülle geklebt hatte, lag noch dort. Ich war fassungslos. Ich fragte die paar Mädels, die grade in der Toilette waren, ob sie denn ein Handy gesehen hatten. Nein, hatten sie nicht. Am Liebsten hätte ich geschrien: "Rückt es raus! Ich weiß, dass es eine von euch hat! Na los!..." Aber ich starrte sie nur an. Was, wenn es wirklich eine von ihnen hatte? Ich fragte im Unicafé nach, im Sekretariat, im Fundbüro... Kein Glück. 

Welcher Student klaut denn ein Handy? Ich war wirklich enttäuscht. Noch dazu- achtung, Dramastorytime- hatte ich eine wirklich wichtige Nachricht zu beantworten, von einer sehr wichtigen Person. (...) 

Ich war erst mal komplett am Ende. Die Unikurse passten nicht, Stress mit den Deadlines für die interuniversitären Abkommen, Druck von Professoren,... Dabei hatte ich mir das alles selber zuzuschreiben. Ich hatte noch Zeit und brauchte keine Angst vor den Profs zu haben- aber ich bin ein Kontrollfreak, der alles gleich und gut erledigen will. Jemand, der kein Handy verliert. 

Es ist gruselig, wie verloren man sich ohne Handy fühlen kann. Ich bekam fast Panik. Ja, ich war noch dazu in einem fremden Land und brauchte oft GoogleMaps, war in ständigem Kontakt mit meiner Familie und Leuten von der Uni... 

 

Jetzt ist das zwei Tage her. 

Ich habe die 'wichtige Nachricht' auf Facebook verlegen können. So wichtig war sie nicht. 

Ich bin jetzt in E-mail-Kontakt mit meinen Leuten. 

Ich habe einen Wecker gekauft. (Einen Radiowecker noch dazu... Wusst ich nicht. Ich wache jetzt erst mal jeden Tag zu einem fremden Song aus den 60ern auf! Die letzten zwei Tage bin ich lachend aufgewacht, nachdem ich heulend eingeschlafen bin! Ziemlich genial.)

Abends ist das Nachrichten-Blinklicht am Display nicht mehr das Letzte und Einzige, was ich vor Augen habe. Das einzige Licht, nach dem ich mich jetzt richten kann, ist Gott. 

Ich muss meinen Kopf einschalten. Ich muss den Tag morgens zu Hause am Laptop planen. 

Ich kann mein Profilbild auf Whatsapp nicht mehr checken und kritisieren. 

Ich habe Gott um das Wunder gebeten, mich das Handy wieder finden zu lassen. Aber gleichzeitig bin ich dankbar, dass er mir das zustoßen hat lassen. 

Was ist schon der Verlust eines Handys, verglichen mit Hiobs Erlebnissen, meinem größten Vorbild? 

Es ist verrückt, wie Leute reagieren, wenn ich ihnen von meinem Handy erzähle. Entsetzen, Mitleid,... Die Reaktionen könnten nicht viel anders sein, wenn mein Hund oder sogar ein Freund sterben würde. Zum Einen ist das total lieb, weil ich mich zunächst auch so fühlte, als wäre ich zur Hälfte tot. Das Mitgefühl ist tröstlich. Und gleichzeitig so unfassbar gruselig. Wie abhängig sind wir von einem 6x65x120mm-Gerät! Ich habe schon öfters Tage oder Wochen absichtlich ohne Handy verbracht. Aber unfreiwillig fühlt es sich doch ganz anders an. Man hat keine Wahl.

 

Gestern Abend hab ich herausgefunden, dass einer meiner Mitbewohner, auch ein Student, noch nie ein Handy hatte. Wenn ich wieder ein Handy habe. werd ich auf alle Fälle versuchen, es nicht mehr zu meinem zweiten Ich werden zu lassen. An sich sind die technischen Dinge, die wir heut zum Alltag rechnen, genial und nützlich:Den Computer brauchen wir für Arbeit und Uni, das Handy einfach, um in Kontakt mit anderen zu treten/ bleiben. Aber ich will nicht (mehr als nötig, um realistisch zu sein) abhängig von ihnen sein.

 

Warum habe ich mich so aufgeregt? Ich bitte Gott seit Jahren täglich darum, mir zu nehmen, was mich von ihm abhält, und mir zu geben, was mich ihm näher bringt. Und ich glaube fest daran, dass er das tut. Er hat einen genialen, detaillierten Plan. Mein Handy kommt auch drin vor. Gott segne meinen Dieb <3