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Die Frauen im Fenster

 

Mittlerweile bin ich seit fast drei Monaten in Belgien. Außer für Waffeln und Schokolade und Bier ist dieses Land, gleich wie Holland, für seine Rotlichtviertel bekannt. Ich weiß noch, wie ich damals zum ersten Mal mit meiner Schwester in Amsterdam war. Wir hatten zwar einen Stadtplan, hatten aber nicht daran gedacht, das "Red light district" zu suchen, um es meiden zu können. Und schon waren wir mittendrin. Ein Blick nach rechts, und da posierte eine Frau in schwarzer Unterwäsche vor einer gemusterten Tapete. So schnell hatten wir unseren Blick wohl noch nie abgewandt. Der Blick nach links zeigte nichts anderes. Die Mauern voller Plakate, hinter den Schaufenstern junge Frauen, mit verschränkten Armen sitzend oder stehend oder herumgehend. Ich fühlte mich genauso entblößt wie sie, als ich an ihnen vorbei ging. Ich wusste nicht, ob ich freundlich schauen sollte oder mitleidig oder ob ich mein Entsetzen einfach zeigen sollte und hielt meine Augen so starr auf den Boden geheftet. Wir versuchten, das Viertel schnell hinter uns zu bringen. Es regnete. Ein paar Männer kamen uns entgegen. Sie schauten ungeniert einmal rechts, einmal links. Ich sah aus den Augenwinkeln, wie die Frauen ihnen zuwinkten. 

Wir waren wie im Schockzustand. Zwar hatten wir von diesen Schaufenstern gehört, aber es zu sehen war etwas ganz anderes. Wir versuchten, uns auf dem Stadtplan zurechtzufinden. Als wir über die nächste Kanalbrücke gingen, sahen wir eine Kirche, und gingen erst einmal dort hinein. 

Ich hätte in Tränen ausbrechen können. Die zwei Frauen, die ich gesehen hatte, konnten nicht viel älter gewesen sein als ich. Was war zu tun? Sie taten mir so leid. Auch wenn viele von ihnen gegenwärtig bestimmt nichts gegen ihren 'Beruf' hatten. Was sollte ich tun? Ich sah mich mit einem Papp-Schild mit der Aufschrift 'Jesus loves you' und 'Your body and soul are worth genuine love' vor einem der Schaufenster stehen. Ich sah mich rosa Rosen vor die Schaufenster legen und Post-Its ans Fensterglas kleben. 

Inzwischen bin ich schon viele Male mit dem Zug durch Gegenden gefahren, in denen sich die Köpfe der männlichen Passagiere alle auf die eine Seite drehen. Manchmal sind es Männer, neben denen ihre Frauen mit Kopftuch sitzen, starr geradeaus blickend. Manchmal sind es Väter, und die noch jungen Kerle scheinen manchmal nicht zu wissen, wohin sie schauen sollen. Angewidert und traurig mache ich meine Augen dann zu und bete für die Männer und Frauen. 

Eine Studienkollegin hat mir von ihrer ersten Amsterdam-Erfahrung erzählt, und wie faszinierend diese Kultur der Rotlichtszene doch auch irgendwo sei. Faszinierend? Kultur? 

Vielleicht hast du einen oder mehrere der Blogeinträge zur 'Koffieklap' gelesen, dem Café, wo ich manchmal als Freiwillige arbeite. Dessen Erlös geht an Frauen, die diese 'Kultur' hinter sich lassen möchten und Geld und ein sicheres Zimmer als Sprungbrett in ein anderes Leben benötigen. Ich bin Gott dankbar, dass er mich an diesem einen Samstag in das Café geführt hat. Auch wenn ich keine Rosen verteile, so kann ich doch meinen Teil dazu beitragen, diesen Mädchen zu helfen. Aber auch, wenn ich wieder zu Hause bin, kann ich weiter helfen: Das Größte, was jeder einzelne von uns für sie tun kann, ist beten. Ohne Gott kann keiner von uns etwas tun. Wenn wir uns im Gebet je einer von diesen unseren Mit-Frauen, unseren potentiellen Freundinnen und Schwestern, diesen Königstöchtern annehmen können und beten, dass Gott ihr heute Nacht Trost spendet, dass er etwas in ihr in Bewegung bringt, dass er sie ihre Würde und seine echte Liebe spüren lässt...