Jetzt ist Prüfungsphase. In Belgien haben die Studenten im Januar keine Kurse mehr, nur noch Prüfungen. Anfangs dachte ich, das macht eigentlich alles leichter; man hat weniger Stoff und mehr Zeit zum Lernen! Allerdings hat sich langsam auch eine Angst breit gemacht. Vielleicht sind die Erwartungen hier so hoch, dass man die viele Zeit braucht? Vielleicht unterschätze ich alles? - Und seit Wochen bin ich jetzt nur noch am Lernen und Schwitzen und Wimmern. Wer weiß, wie das Ganze ausgeht. Vielleicht werd ich den Erasmus-Zuschuss zurückzahlen müssen, wenn ich die Prüfungen alle nicht bestehe. Und- ich bin ja Realist. Und die Möglichkeit, nicht zu bestehen, besteht auf alle Fälle. Ach, wenn ich doch nur die Prüfungen und Professoren besser einschätzen könnte!
Morgen muss ich eine Präsentation in nem Englischkurs halten. Zusammen mit einer belgischen Studentin. Und wir haben beide ziemlich Schiss vor öffentlichem Sprechen. Bei ihr ist die Angst glaub noch ärger, aber ich bin, vor allem dieses Mal, echt aufgeregt, weil die Präsentation einen großen Teil der Bewertung ausmacht. Noch dazu ist das Thema doof. Dazu kommt, dass ich mich nicht blamieren will. Aber das werd ich wohl annehmen müssen; kleine Kratzer hier und da im oh-so-perfect Lack können nicht ausbleiben. Außerdem seh ich diesen Professor nach dem morgigen Tag nie wieder!
Wir haben vorher lange darüber geredet, die Kollegin und ich. Was wir machen, wenn wir out-blacken, zwischendrin oder zuvor. Wie schrecklich alles ist. Wie schwer es ist, die Atmung unter Kontrolle zu bekommen, vielleicht kennst du das ja. Wie die Alarmleuchten im Kopf losgehen, wenn wir vor einer Gruppe etwas sagen müssen, und wie das Gehirn das einfach nicht mitmacht. Was wir von dem Prof halten (ein dicker Teddy der sich gerne über alle lustig macht und sich selbst gerne reden hört. Ein ****.). Ich hatte zuerst vorgehabt, die Coole zu spielen, damit wir uns nicht gegenseitig aufwiegeln. Aber es hat ja doch keinen Sinn. Wir werden einfach versuchen, genügend auszuatmen und nichts an Text zu vergessen.
"Haltet es für lauter Freude, wenn ihr in mancherlei Prüfungen geratet!" Ich weiß nicht, ob man die Jakobusbriefworte so wörtlich nehmen darf. Wüsste aber auch nicht, warum nicht. Wir sollen doch alles, was wir tun, für Gott tun. Ich hab mich schon auch gefragt, wie ich denn bitte in einer Prüfung, in einer Präsentation, Gott verherrlichen kann. Ich werde es versuchen, morgen. Wenn ich nach vorne gehe, mich kurz an Gott wenden und ihm die Aufgabe aufopfern- die neben der Testung akademischer Leistungserbringung auch eine echte Lebensprüfung ist!
"Was immer ihr tut, tut es von Herzen, und zwar für Gott und nicht für die Menschen." (Kol. 3:23) ALLES. Auch die kleinsten Dinge. Gut, das will ich tun. Ich werde versuchen, Freude an der Prüfung zu haben, davor, währenddessen und danach; ob erfolgreich absolviert oder gescheitert... Ohne die Prüfung kann ich nicht aufsteigen, kann ich nicht besser werden. Das gilt fürs öffentlich Sprechen und für alle anderen Dinge, die uns schwer fallen.
Tut irgendwie gut, das aufzuschreiben. Danke für's Zu-lesen ;)