Sie saß auf dem Bett, mit dem Rücken an die Wand, die Beine ausgestreckt, die Hände lagen schlapp rechts und links von ihren Oberschenkeln. Auf ihrem Schoß saß der alte Laptop, aber sie spürte sein Gewicht nicht mehr, spürte nicht, wie ihre Beine einschliefen. Sie sah nur das Bild. Seit langem saß sie so da, und hatte sich so sehr in das Bild vertieft, dass sie die Zeit und Welt um sich nicht mehr wahrnahm.
Die letzten Nächte hatte sie kaum geschlafen, die letzten Tage zur Hälfte mit Tränen in den Augen verbracht. Jetzt saß sie hier, hörte und schaute. Sie war in eine andere Welt versetzt. Das Bild hatte sie aufgenommen; jetzt stand sie dort, auf dem weiten, grünen Feld, starrte in die Nähe und Weite, auf die hohen Tannen in der Ferne, auf den hölzernen Zaun neben ihr, auf das weite Tal, die geschmeidigen, sacht bewaldeten Hügel, über denen weiche Wolken wie Vogelschwärme dahinströmten; sie hörte den Wind, war eins mit ihm, spürte die Luft, roch das Gras, fühlte die Erde unter sich atmen. Hinter ihr lag eine andere Welt. Sie wusste, dass sie gleich zurückmusste, aber in dem Moment war alles, was sie spürte, Freiheit, Größe, Schönheit und Wahrheit. Hier war niemand, und sollte sie jemandem begegnen, dann wäre er wie ein alter Bekannter, der sie anlächelte, nickte und weiterging. Hier liebte man.
„Danke“, sagte sie. „Danke.“
So viel war passiert. Und jeden Tag ging so viel ‚vorbei‘. Und jeden Tag war alles, was vorbeiging, ein bisschen mehr ‚vorbei‘. Sie konnte jetzt wieder das Leben spüren, das unaufhörlich, wie eine Sanduhr, sacht dahinfiel. Es fiel, aber die Hauptsache war, dass sie es wieder spüren konnte. Jemand anderes hätte ihr vielleicht gesagt, dass das nicht das richtige Leben war. Dass sie die Musik abschalten und wieder die stillen Wände ihres Zimmers anschauen sollte, dann würde sie schon aufwachen. Aber dies war das Leben. Sie hatte doch nur eines. Und sie fühlte es. Wie kann man ein Leben fühlen, das nicht echt ist? Sie fühlte ihre Seele sich zusammenziehen und wieder weiten. Sie war zu Hause. Vielleicht war die andere Welt nicht die echte. Wie echt sind Hass, Ideologie und Verkehrtheit? Dazu war sie nicht da. Sie war für mehr da, und manchmal konnte sie ein bisschen davon spüren. Diese unerklärliche Sehnsucht, die uns verzehrt, die uns beinahe fliegen lässt.
„Danke.“ Dafür, dass sie die Wahrheit und Schönheit spürte, dafür, dass ihr Gott sie für eine Weile auf seinen Schwingen durch sein Paradies gleiten ließ, dass er ihre Kratzer und Wunden einfach mit einem Hauch wegstrich, dass er sie seinen Frieden spüren ließ; echten Frieden, der jeden Weltfrieden überstieg. Er ließ sie sich selbst fühlen; sie, die sie nach ihm geschaffen war, die ganz erkannt war, die nach innen hin weit, so weit war; eine Seele; eines der Kinder Gottes. Sie begriff, dass er bereits begriffen hatte, und für sie begriffen hatte. In ihm war sie sicher. Nichts war verloren, keine Träne, kein Tag würde je ins Nichts versinken. Genau jetzt war er gestern, heute und morgen und immer. Er lebte mit ihr, vor ihr, nach ihr; sah mit ihr nach vorn, nach hinten; und in ihrem Moment war er ihr am gleichsten, und sie ihm am nächsten. Nichts konnte ihr, Seele, schaden. In ihm war sie sicher.
"I find myself with a desire that nothing in this world can satisfy. The most probable explanation is that I was made for another world."
- C.S. Lewis

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