Ich wünschte, jeder könnte einmal an einem Maientag durch den Garten daheim bei Mama laufen. Wenn die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, der Wein über die Fenster wächst, wenn man den Rosenhecken beim Wachsen zusehen kann, der Brunnen plätschert, die Pfingstrosen langsam aber sicher aus ihren knubbeligen Knospen ausbrechen, die Apfel- und Birnbaumblüten das viele Grün sprenkeln, der Kräutergarten vor dem Küchenfenster sprießt, wenn Blumen, von denen man nicht einmal weiß, sie je gesetzt zu haben, stolz in die Luft ragen und man in jedem Eck des Gartens von einem neuen Duft empfangen wird...
Es ist ein Paradies.
Aber es kann auch anders aussehen: Wenn Wolken die Sonne verdecken, die Vögel verstummen und die Nacktschnecken nach einer verregneten Nacht aus ihren Verstecken kommen und die Pflanzen anknabbern. Vor allem aber, wenn der Brunnen voll Laub ist und schweigt, wenn das Unkraut jeden Zentimeter zu überwuchern scheint, sodass man gar nicht weiß, wo man den nächsten Schritt setzen soll und weiß, dass man am Besten sofort anfangen sollte, zu jäten. Wenn die Blumen vertrocknen oder überwässert sind, weil man sich zu wenig um sie gekümmert hat. Wenn
Und manchmal läuft man durch und sieht das viele Unkraut gar nicht, sieht nur die Blumen. Sei es, weil man einfach grad keine Zeit hat, sich drum zu kümmern, oder weil es einem einfach egal ist, und weil man sogar denkt, dass Unkraut doch eigentlich ganz hübsch ausschaut. Oder weil es vielleicht die vergessenen vertrockneten Blumen schön vor einem versteckt.
Mir ist dann meine Seele eingefallen. Sie ist meine beste Freundin, eigentlich. Wir sind ständig zusammen, sie kennt meine anderen "Freunde": Kopf und Gemüt,... Ich bin aber eine schlechte Freundin. Wie schön könnte die Seele sein, wenn ich nur wollte! Wie viel Aufmerksamkeit bräuchte sie, und wie selten kümmere ich um sie. Immer, wenn wir uns falsch verhalten, schießt sozusagen eine Distel hoch... Wir können jäten, indem wir uns der Unsauberkeiten bewusst werden und die kleine Kräutlein, die Ungeziefern Deckung geben und Blumen überwuchern, ständig ausrupfen. Wie überflüssiges Augenbrauen-Haar ;) Und vorbeugen können wir dem Unkraut auch. Und den trockenen Blumen. Und den Nacktschnecken auch. Durch guten Dünger, genügend Wasser und kleinen Tricks. Das wären wohl Gebet, Gebet und Gebet für unsere Seele... Zeit für den Garten, Zeit für die Seele mit Gott.
Heilig sein bedeutet vielleicht, ein guter Seelengärtner zu sein.