· 

Nostalgie. Das Leben im Jahresrhythmus.

 

Mit dem Herbst kommt für mich immer die Zeit des Jahres, in der Umbrüche passieren. Es ist nicht so sehr Neujahr, wenn ein neues Kapitel für mich beginnt, es ist der Herbst. 

Letztes Jahr. 

Wenn ich daran zurückdenke, wo ich letztes Jahr um diese Zeit war, werde ich ganz fürchterlich nostalgisch. Gerade eben habe ich mit einer Freundin, die ich letztes Jahr gefunden habe, gechattet. Ich könnte wehmütige Tränen vergießen, und wieder einmal wird mir klar: Ich verstehe das alles nicht. Ich verstehe das Leben nicht, verstehe nicht, wie die Zeit vergeht, wie ich mich verändere, wie die Welt sich dreht... 

Der letzte September bedeutete für mich den Aufbruch in ein Auslandssemester. Ich hatte gerade einen Roadtrip durch die Niederlanden hinter mir und eine erfolglose Bewerbung für ein anderes Studium. Die Uni fing an; ich lernte Leute kennen, merkte einmal mehr, dass ich anders bin, war frei, war in der Welt, entdeckte eine Stadt für mich, hatte eines dieser Leihfahrräder mit blauem Vorderreifen, entdeckte einen katholischen Studentenverband, aß Fritten, trank Kakao, durchlebte echten nordeuropäischen Unistress. Ich arbeitete als Freiwillige in einem Café, lernte dort wunderbare Menschen kennen, verliebte mich, fuhr nach Paris, erlebte die weite Winterwelt und Weihnachtsmärkte, saß spätabends noch am Flussufer nahe des zweitgrößten Hafens Europas, fühlte mich einsam, fühlte mich geborgen. 

 

Jetzt wo ich zurückdenke, stelle ich fest, dass ich kaum an die Zukunft dachte. Ich war angekommen - außerhalb meines Lebens. Ich liebte mein Studium, ich liebte die Menschen, ich liebte auch die dreckige Küche unseres Studentenwohnheims. Nur die verhaarten Duschen liebte ich nicht so ganz.

Ich schmiedete Pläne, ohne es zu merken, Vorstellungen formten sich in meinem Kopf, meine Identität nahm weiterhin Gestalt an, das Leben war ein einziges Tor in die Freiheit, mehr wie ein ganzer Tunnel. Ich war voller Zuversicht. Es war, wie ich es mir auch schon vorausgesagt hatte: Das Leben würde wie pausiert werden. Ich lebte in einem wunderschönen Ausnahmezustand, der natürlich nicht ewig andauern würde. Und das Schöne an diesem besonderen Zustand war, dass er pure Realität war. 

 

Wenn ich jetzt ein Lied höre, das ich vor einem Jahr hörte, oder einen Pulli anhab, den ich dort gekauft hab, oder wenn ich einfach fallende Blätter sehe, die... naja, so ganz gleich fallen wie letztes Jahr, werde ich nostalgisch. Wie viel Zeit doch in uns existieren kann. Wie nah sind uns manche Erinnerungen, wie echt wird die Vergangenheit, wenn wir etwas bestimmtes riechen oder sehen oder hören. Und ich tu es gern, mich erinnern, auch wenn es sich anfühlt, als würde ich mich dabei in Luft auflösen, oder zerreißen. Es ist so schwer zu glauben, dass man selber diese Person ist, die dieses Leben lebt. 

Natürlich kommt dazu, dass die Welt in den letzten Monaten einmal wie ein Pfannkuchen in der Pfanne hochgeschmissen und gewendet wurde. Was vor März war, scheint vielleicht noch viel schöner, als wir es unter normalen Umständen wahrnehmen würden. Oder wir nehmen es so schön wahr, wie es tatsächlich war, und unter anderen Umständen würden wir es gar nicht genug schätzen? 

 

DAS führt mich hierzu: Stecken wir niemals in der Vergangenheit fest, nehmen wir die Gegenwart immer ausreichend wahr und beklagen wir uns niemals über sie, denn vielleicht wird sie uns einmal als schönste Zeit in Erinnerung bleiben. Irgendwann sehen wir immer, das ist so sicher wie jeden Morgen die Sonne aufgeht, dass die jeweilige Gegenwart so unfassbar sinnerfüllt war, dass wir es kaum fassen können. Es ist okay, nostalgisch in Erinnerungen zu schwelgen, aber wir dürfen dieser süßen Wehmut oder gar Verzweiflung nicht zu viel Raum geben. Und wir dürfen nicht vergessen: Wir können nichts, keine Sache auf der Welt zu viel lieben - nur Gott zu wenig. Wenn wir also meinen, an der Liebe zur Vergangenheit zu zerbrechen, sollten wir unseren Blick wieder auf unseren Schöpfer richten und daran denken, wie sehr wir Grund haben, ihn zu lieben, was das Zeug hält. Dann wird alles andere nach hinten rücken und es ist leichter, mit dem einzig Ewigen und Schönen vor sich, loszulassen. 

 

Ich glaube auch, der einfachste Beweis für Gottes Existenz ist einmal die Schönheit in der Welt und dann deren Vergänglichkeit. Und die Tatsache, dass wir die Schönheit nicht erklären können, auf keiner Ebene des Diskurses. Wer kann es begreifen und erklären? Wer erklärt einem Kind die Blätter, die fallen und neu wachsen werden? Wer erklärt einem Kind, warum Musik die Seele erhebt und warum eine schöne Farbe glücklich macht? Wer macht einem Kind begreiflich, dass man nicht alles begreifen kann? Und wer begreift ein Kind? 

 

Wie sonderbar weh kann es tun, "Verweile doch, du bist so schön!" zu sagen, oder zu fühlen. Wie bittersüß ist es, sich zu erinnern, und nach den Erinnerungen zu haschen wie ein Kind nach Seifenblasen greift. Und wie wunderschön, zu wissen, dass all diese schönen Momente nicht in Nichts aufgehen, wenn sie einmal vorbei sind, sondern dass sie Teil der Unendlichkeit sind, in der nichts verloren geht, in der alles jetzt, morgen und gestern ist, dass sie im großen Buch unseres großen Gottes festgehalten sind...