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Wir sind stark

 

Ein Missgeschick häuft sich auf das andere, ein Fehler scheint größer als der vorige - wo soll man anfangen, auszubügeln? Sich verloren fühlen, als würde es nicht zurück gehen. Sich im Kreis drehen, nicht von der Stelle kommen. Jedes Rennen scheint vergebens. Kein Ende in Sicht. Alles, was man sieht, ist der dichte graue Nebel aus Erinnerungen und Zukunftsängsten, direkt vor der Nase. Was dahinter liegt, sieht man nicht, aber es interessiert auch nicht, weil man nur noch grad so für den Augenblick Nerven übrig hat. Einfach durchkommen...

 

Hattest du jemals Angst, dich zu verlieren? Das klingt schwer nach Drama - isses irgendwie auch. Na, jedenfalls kann es ganz schön verunsichern. Ich weiß nicht, was Menschen alles durchmachen können, das an ihrer Identität rüttelt. Natürlich, wenn wir "jung" sind, stehen einfach viele Entscheidungen an, und manche Dinge passen gut, manche weniger - und manche passen nicht nicht und passen aber auch nicht schon. Was soll man da tun? Ja, und dann tut man halt... Hauptsache etwas. Und der Prozess, festzustellen, was denn nun wirklich Sache ist, kann schwierig sein. Und lang. Länger, als wir gehofft hätten. Schwieriger, als es anfangs ausgesehen hat. Es kann wehtun, loszulassen - etwas an uns selber oder etwas, das uns umgibt.

 

Manchmal sind wir wie im Umbau. Wisssen nicht, wie wir am Ende aussehen werden und wie lange es dauern wird. Und dann kommt der Punkt, wo im Bauplan keine weiteren Anweisungen stehen, aber fertig ist noch lange nichts. Wieder mal ist da einfach keine Deadline, obwohl wir so zielstrebig auf eine zuzusteuern geglaubt hatten. Kein Punkt des definitiven Umbruchs. Es geht einfach alles weiter, im alten Ich, ohne dass man derselbe zu sein scheint. Manchmal liegen wir auch da wie Ziegelsteine auf einem Haufen, die warten, endlich verwendet zu werden. Diese Zeit kann schwer zu überbrücken sein. Aber der Moment muss kommen, an dem entweder wieder alles geht, oder an dem alles so sehr nicht mehr geht, dass es wieder geht. Vielleicht auf ganz unscheinbare, unspektakuläre, vielleicht schmerzhafte Weise. Aber weitergehen tut's. Und man wieder einmal merkt, wie STARK man eigentlich sein kann, sogar mitten in der Schwachheit und sogar in Verzweiflung.

Und dann schleppt irgendjemand, vielleicht ich, wie in Trance, langsam einen Ziegel nach dem anderen zur Mauer. Der Höhepunkt muss unbemerkt an mir vorbeigezogen sein. Alles zieht sich dahin, oder spinnt sich dahin wie ein Faden. Es geht weiter, immer weiter, auch durch Müdigkeit und Mattigkeit und Ratlosigkeit. Die Ziegel können nicht wieder abgetragen werden, sondern sitzen fest - das macht das ganze ein bisschen fürchterlich. Aber das Gute ist, es kann drum herum gebaut oder ein Turm draus gemacht werden. Jedenfalls ist jeder Stein ein Schritt in die richtige Richtung - das Leben nach oben aufzubauen.

 

Manchmal sind wir ein Blatt in der Luft, manchmal sind wir unsere Träume, und die sind ein Schneeball, der von uns selber oder sonst wem schön geformt wird, um dann an den nächsten Baum gepfeffert zu werden. Dann sind wir flüchtig wie ein Regenbogen, dann von Dauer wie die Sonne, die seine Regentropfen bunt färbt. Manchmal sind wir zu groß für uns selber, sind ein Stückchen Unendlichkeit, in der wir ein bisschen wie eingeschlossen sind, weil wir nicht mit ihr umgehen können.

Oft wollen wir einfach nur Sicherheit und Geborgenheit, wollen 'ankommen' - bzw. angekommen sein. Aber wenn das Leben eine Pilgerreise ist, werden wir mit immer neuen Landschaften, Aussichten und Temperaturen rechnen müssen. Liebes Bisschen, das ist wirklich ein Methapern-Overload. Werden wir konkret:

Sollten wir uns nicht nur um eine Sache sorgen: dass wir Gott nicht überall genug dabei hatten? Wenn wir nur wirklich mit ihm durchs Leben gehen würden... Wenn wir wüssten, was wir überhaupt lieben, wenn wir ihn lieben, wenn wir verstehen würden, dass wir nur dann glücklich werden, wenn wir alles, was wir lieben, in Ihm lieben.

Wir sind auf einer Reise mit ihm. Und was macht einen guten Reisegefährten? Muss man nicht immer zuerst lernen, miteinander umzugehen, einander zu verstehen, einander zuzuhören, im Gleichschritt mitzuhalten, auch wenn man mal müde ist? Stehen zu bleiben, wenn der andere etwas am Wegrand zeigen will? In jedem Augenblick, der mich meine letzten Nerven kostet, der mich endgültig zu überrollen und plattzumachen scheint, denke ich dran, dass er da ist. Dass er manchmal genau das nicht tut, was wir von ihm wollen: sich uns mitteilen. Auf etwas direktere Weise sagen, wo's lang geht. Und dann sollten wir schlucken und nicken und sagen: Okay, wenn du meinst, dass ich das jetzt brauche, dann soll's halt sein. Ich weiß, dass ich dadurch wachsen werde, und danke dir für diese Gelegenheit. Danke, dass du mein guter Lehrer und Vater bist. Danke, dass du da bist, und danke, dass du Geduld mit mir hast, wenn ich für mich keine mehr hab, danke, dass du mich kennst und verstehst, selbst wenn ich und auch meine Mitmenschen mich nicht mehr verstehen.

 

Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Zaghaftigkeit, sondern der Kraft und Liebe und Besonnenheit gegeben! 2. Timotheus 1:7

 

Wir sind stark :) xoxo Natelle