Ich hatte für lange Zeit eine Freundin. Meine beste Freundin irgendwie. Ihr will ich heute einen Blogeintrag widmen.
Ich kam gut mit ihr klar. Wir waren uns sehr änlich; ich achtete sie, denn sie hatte all die Macken, die ich von mir kannte, nicht. Und vielleicht kennt ihr das, dass ihr jene von euren Schwächen, die euch auch an anderen Leuten auffallen, am allerwenigsten ausstehen könnt? Jedenfalls kannte sie die meinen und war immer da, wenn ich eine Dummheit machte. Vieles stand unausgesprochen zwischen uns. Aber wir wussten alles voneinander. Auch, wie wir voneinander dachten. Ja, wir waren sehr aufrichtig.
Sie kannte mich dermaßen gut, dass ich mich manchmal klein vor ihr fühlte, aber auch geborgen. Sie wusste, wie ich gern sein würde, was ich gern können würde, was ich gern besser machen oder verändern würde. Und sie sah mir quasi geduldig dabei zu, wie ich nicht immer alles auf die Reihe bekam oder unzufrieden mit mir war. Das tröstete mich, denn ich wusste, dass ich annehmen muss, wie ich bin, dass ich nicht alles kann und können muss. Sie verurteilte mich mit einer bittersüßen Strenge, die ich aber herzlich gerne annahm, weil ich ihre Urteile nur zu gut nachvollziehen konnte, und sie spornten mich an, mich zu ändern. Sie war mir also so ähnlich, dass sie ähnlich streng ins Gericht mit mir ging, wie ich es selbst tat. Wenn ich einmal unzufrieden war, wendete ich mich an sie und wusste seelenruhig, dass sie vieles kritisieren könnte. Was ich ja verstand. Jemand, der mich so gut kannte wie sie, konnte nicht anders, als manchmal mit mir zu leiden und meine Fehler wahrzunehmen. Aber sie stand stillschweigend da, verständnisvoll und tröstend.
Nach einer Weile stellte ich aber fest, dass sie mir - so gern ich sie hatte und so aufrichtig sie mir auch schien - nicht nur gut tat. Gab es vielleicht andere Leute, die mich anders sehen würden? Jemand, der mir nicht nur das, was ich sowieso selber wusste, unausgesprochen entgegenhielt und der still mit mir mitlitt, sondern mich packen und aufrichten würde, und betonen, dass all diese Schwächen und meine Unzufriedenheit nicht wichtig waren. Dass ich nicht so streng mit mir sein sollte, wie ich glaubte, es zu verdienen und weswegen ich auch die verständnisvolle Strenge meiner Freundin akzeptierte. Aber so viel Mitgefühl verdiene ich doch nicht...
Jedenfalls... Diese Freundin war ich selbst. Sie war mein kritisches Ich, die Persönlichkeit, die mir auf die Finger schaute und mit der ich vereinbarte, was ich denn nun schon wieder falsch gemacht hatte. Ich bildete mir ein, sie wäre jener Charakter, der ich gern sein würde: Gleich wie ich, aber stärker, selbstbewusster, mutiger, einfacher gestrickt. Sie war eine Mischung von all den positiven Eigenschaften von Personen, die mir im Leben jemals begegnet waren und die ich bewundert hatte.
Hatte ich etwa eine falsche Vorstellung von einer besten Freundin? Sollte ein Freund einen nicht davon abhalten, sein zu wollen wie andere? Perfekt sein zu wollen? Sein zu wollen wie der Freund selbst? Passen wir einfach auf, wen wir zu unseren Freunden erklären - auch, wenn es sich bei ihnen um Emotionen oder Gedanken handel.
Nochmal jedenfalls... Hab ich sie konfrontiert. Ich würde ja gern immer stark sein. Einfach stark. Drüber stehen. Manche können's besser, manche weniger gut. Auch ich kann's manchmal, aber nicht immer. Manchmal lieg ich da und heul und fühl mich schwach und feige und wie ein Versager und als würde mich nie jemand auch nur ansatzweise mögen können, wenn ich so in Tränen aufgelöst rumkauere wegen scheinbar riesigen Kleinigkeiten, oder auch kleinen Riesigkeiten. Aber das muss eine Lüge sein. Ich will mich nicht nicht mögen, weil ich nicht immer so bin, wie ich gern wär. Was wundert es uns überhaupt, wenn wir manchmal glauben, wahnsinnig zu werden? Wenn wir nur noch schreien könnten oder nur noch Angst in uns spüren, die uns das Gefühl gibt, ganz winzeklein zu sein? Wir wären nicht ganz normal, wenn es anders wäre.
Aber, wisst ihr was? I-Aah ist mein Lieblingscharakter. Lahm und liebenswert wie niemand anderes zugleich.