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Es waren einmal

 

Was Maler und Schreiber tun, ist eigentlich oft gar nicht sooo verschieden. Ich weiß nicht, was ein Maler dazu sagen würde - vielleicht, dass es schwerer ist, mit einem Bild zu erzählen, weil Leben in einen einzigen Augenblick verpackt werden muss. Natürlich, ein Bild ist wie eine Momentaufnahme, kann aber mit den gleichen Mitteln die gleichen Dinge vermitteln, kann Mittler sein zwischen Mensch und Fantasie...

 

Hier schmeißt man mit Pigmenten und mit Farben, dort mit Buchstaben und Worten um sich. Die Worte und Wortgemeinschaften sind Farben und Farbengemische. Genauso nuanciert, genauso schwer zu mischen. Mit bloßen Worten auf Papier den richtigen Ton anzuschlagen ist gleich herausfordernd, wie den richtigen Farbton zu finden. Es sollen Bilder in den Köpfen entstehen, beim einen vor den äußeren Augen, beim anderen vor dem inneren. Es darf nichts vergessen werden, es geht um die Details, die Feinheiten und die Schattierungen. Das Licht muss auf ganz bestimmte Weise über's Bild gleiten, gleich wie es aus einem Satz oder Absatz kommen muss. Emotionen sollen so eingepackt werden, dass sie fühlbar werden, wie in ein Vesikel, das seinen Inhalt an der richtigen Stelle in die Blutbahn abgibt; einmal mit Farben und verschiedenen Methoden des Auftrags, einmal mit Worten und deren Anordnung, und Wortspielen. Die Farben können gleich miteinander spielen wie die Worte und Zeichen und Pausen. Eine Skizze ist eine schnelle Notiz; ein Gemälde aus dem Realismus eine Kurzgeschichte vom Abend am Strand. Und auch beim Schreiben wie beim Malen stellt sich die Frage, wo man aufhört, was nicht mehr dazugehört, wo das Erzählte in Nichts übergeht.

Neben dem Zeitrahmen ist vielleicht ein weiterer Unterschied, dass man als Leser das Bild in der gleichen Reihenfolge entstehen sieht, wie der Schreiber; eine Malerei aber kann diachron, in einer ganz anderen Reihenfolge entdeckt werden, als es der Maler vielleicht intendiert hat. Ein Maler ist außerdem mehr gebunden bei seinem Vorgehen, muss sich von hinten nach vorn arbeiten. In beiden Arten von Bildern aber kann man Dinge übersehen, manchmal ganz wichtige, die dem Bild das bestimmte Etwas verleihen; bei einem gemalten Bild vielleicht noch eher, da man selber die Konturen nachfahren muss, und sie nicht wie in einem Text der Reihe nach dargelegt bekommt. Gemaltes kann lebendig sein, oder tot und doch lebendig, Geschriebenes auch. Beides offenbart ein Stück vom Maler, wenn vielleicht manchmal auch nicht das allerbeste...

So wie Geschwister grundverschieden und sich doch tief drin so ähnlich sein können, liegt auch diesen beiden das Gleiche zugrunde. Wie auch immer man das nennen möchte. Eine Bestrebung? Ein Wunsch, die eigene Größe, das Glück, das Wesen auszudrücken?

Manchen von uns liegt wohl das eine mehr, anderen das andere. (Manchen ist beides Jacke wie Hose ;) Auch gut.) Und die einen sehen die eine Art Bild sicher lieber als die andere. Wenn du also der Typ Mensch bist, der die Dinge gern festhält und in Momenten von "Verweile doch, du bist so schön" (wenn vielleicht auch traurig oder schwermütig, einfach besonders) in ihren Details versinken möchte, und du wieder einmal einen bildhaft schönen Sonnenuntergang siehst oder ein bildschönes Haus, probier aus, welches der Geschwister dir näher steht... :)

 

xoxo Natelle