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Warum wir (gern und oft) beten sollten

 

Manche meinen, dass Gebet etwas Unnützes ist. Wenn Gott doch sowieso allmächtig und allwissend ist, dann weiß er, was passieren wird, egal, ob wir ihn darum bitten oder nicht. Und wenn er noch dazu gütig ist und uns liebt, wird er nur das geschehen lassen, was gut für uns ist.

Ja, das stimmt wohl schon so. Aber heißt das, dass wir deswegen nicht mit ihm mitmachen können, wenn er unseren Lebensplan ausführt? Heißt das, dass unser Gebet keinen Unterschied macht?

 

Es gibt ja viele Arten, zu beten: Lobpreis, Dank, Herz-Ausschütten, Sorgen-Vortragen,... Und Bittgebet. Ich finde, dass diese Art die aktivste und irgendwie anstrengendste ist, sei es, dass man für sich selber oder für andere betet. Tipp am Rande: Wenn du nicht schlafen kannst, bete bei Gott für deine Mitmenschen, die gerade schwere Zeiten durchmachen. Das ist harte Arbeit, bringt anderen Segen und dir selber heilsamen Schlaf.

Was heißt es denn, zu bitten? Und warum sollten wir das tun?

Gottes Ewigkeit

 

Ich glaub, ein Problem ist, dass wir uns nicht genau vorstellen können, was es heißt, dass Gott ewig und allwissend und allmächtig ist. Wegen dieser mit menschlichen Worten benannten Eigenschaften nehmen wir an, dass sich sowieso an seinem Vorhaben nichts ändern lässt. Sein Plan steht fest, klar, aber wer sagt, dass er nicht will, dass wir in seinen Plan involviert werden? Nicht nur passiv, sondern aktiv?

Dass er also ewig ist, bedeutet, dass er gestern, heute und morgen und immer derselbe ist. Aber das bedeutet auch, dass er mit uns, die wir einzig und allein in der Gegenwart leben, in der Gegenwart lebt. Und alle Zeit ist für ihn sozusagen Gegenwart. Als der morgige weiß er, was in der Gegenwart, die auf uns zukommt, weil sie noch nicht da ist, geschieht. Er weiß nur, "was in der Zukunft passiert", weil er in ihr wie in (einer) seiner Gegenwart ist. Als der gestrige weiß er, was uns heute passiert, weil er als der damalige morgige auch schon existiert hat. Im Zusammenhang mit unserem Leben müssen wir ihn also auch im Zusammenhang mit unserer Zeit sehen. Wenn Gott in seiner Göttlichkeit Raum noch Zeit übersteigt, dann macht es auch wenig Sinn, ihn dadurch einzuschränken, dass man sagt, dass "in unserer Sprache" gestern, heut und morgen ist. Vielmehr ist das ein Versuch, uns kleinen Menschen nahe zu bringen, dass er allmächtig und allgegenwärtig ist - wobei sein "all-" noch viel mehr ist als alle "all-"-s von uns.

All (^^) das hilft mir, zu verstehen, wie ich seine Allwissenheit und Vorsehung einordnen kann - ich kann mir aber gut vorstellen, dass dich das eher verwirrt. Außerdem möcht ich hier nicht behaupten, dass das hier die offizielle katholische Lehre ist oder irgendeine absolute Wahrheit, sondern wirklich nur eine persönliche gedankliche Stütze. Gottes Allmacht, Allgegenwart und Allwissenheit und Ewigkeit übersteigt einfach unseren Verstand.

Disclaimer: Wenn jemand riesige theologische Mängel an dieser Erklärung findet, bitte mir sagen! :)

 

Gott hat von Ewigkeit vorherbestimmt, dass "geschieht". Und auch, dass "geschehen wird" bzw. "passiert wird". Und zwar von uns, seinen Geschöpfen. Blaise Pascal hat mal gesagt: "Gott hat das Gebet gestiftet, um uns, seinen Geschöpfen, die Würde der Verursachung zu verleihen." Das heißt nicht, dass wir Schöpfungsmacht haben, sondern an der Schöpfung mitwirken können durch Verursachung von Ereignissen, die die Schöpfung mitgestalten und den Lauf der Dinge ändern können.

Es ist wie mit einem Vater, der mit seinen Kindern ein Baumhaus baut: Fest steht, dass das Haus gebaut wird; aber die Kinder dürfen dreinreden, der Vater ist durchaus offen für ihre Ideen und ihre Kreativität. Allerdings weiß er auch, was er nicht durchgehen lassen kann. Er weiß, was das Haus stabil macht und wie es brüchig und gefährlich instabil werden würde. Wenn die Kinder dennoch heimlich ihren Kopf durchsetzen würden gegen den Willen ihres Vaters, dann ist auf den Vater keine Schuld zu schieben, wenn sie von der Treppe fallen oder der Boden einbricht. Und selbst wenn er dies einmal zulässt, können wir wissen, dass es nicht ohne sein OK passiert ist, und dass es uns zum Besten gereichen soll - auch wenn das manchmal wirklich schwer zu verstehen ist.

Und so wie wir die physikalischen Naturgesetze wie die Schwerkraft kennen, so kennen wir als Christen auch Gottes Gesetze bzw. Gebote, die sicherstellen, dass wir gut leben können. Wenn wir uns nun nicht an sie halten, dürfen wir uns auch nicht wundern, wenn wir womöglich auf die Nase fallen.

 

Da kommen wir auch schon zum Punkt:

Durch unsere Handlungen nehmen wir Einfluss. Unsere Handlungen erwirken Folgen.

 

Beten ist Handeln

 

C. S. Lewis hat dazu einen ziemlich guten kurzen Essay geschrieben.

Er sagt, dass Beten eine Tätigkeit is wie jede andere, und Folgen nach sich zieht. Mit jeder Tätigkeit wollen wir etwas bewirken, fürs Gebet gilt dasselbe. Gott lässt uns ganz offensichtlich also die Welt mitgestalten, lässt uns an der Schöpfung mitwirken. Und zwar nicht wie in einem fertigen Skript, nach dem wir spielen, sondern er schreibt unsere Lebensgeschichte mit uns zusammen, im Hier und Jetzt. Und im Hier und Jetzt können wir durch unser Gebet etwas für die Zukunft bewirken. Ich glaub, es war der Hl. Augustinus, der gesagt hat, dass die Gegenwart das Einzige, was wir haben, das Einzige, was uns mit dem Himmel verbindet; es ist die Stelle, wo der Himmel die Erde berührt, wo wir Gott nahe sind.

 

Wir können also ganz offensichtlich am Geschehen mitwirken! Und zwar ganz besonders dann, wenn unser Gebet Gott tatsächlich bittet, etwas zu tun oder erwirken. Gott ist jemand, mit dem wir reden können, mit dem man umgehen kann.

Würde die Einstellung, dass Gott sowieso alles so kommen lässt, wie er will, nicht bedeuten, dass wir gar nichts mehr tun müssen - weder aufstehen, noch arbeiten, noch essen, weil Gott ja sowieso alles selber erledigen kann? Nein; so wie er uns im Alltag handeln lässt, so will er uns auch beten lassen.

Ein Unterschied der Handlungsarten mag sein, dass das Gebet Kommunikation ist und nicht ein Akt mit direkter Auswirkung auf die Materie oder Realität. Wie auch unter uns Menschen ist Kommunikation freiwillig. Wir brauchen sie nicht unbedingt, solang wir uns damit zufrieden geben, dass keiner vom anderen so richtig weiß, was er will oder braucht, und dass wir dem anderen nichts mitteilen und ihn um nichts bitten können.

Ein weiterer Unterschied zwischen anderen Handlungen und Gebet ist auch noch, dass wir Gott direkt das letzte Wort überlassen. Zwar hält er über jede Handlung seine Hand, doch beim Gebet bitten wir ja direkt um sein Eingreifen, und ob er das tut, bleibt gänzlich ihm überlassen.

Zurück zum Baumhaus: Als Kinder können wir den Vater fragen, ob wir nicht dies oder jenes machen können, doch der Vater wird sicherlich nicht alles zulassen. Wir bitten "Herr, ich hätte gern dies und jenes - doch nicht mein Wille geschehe, sondern der deine!". Hier wird Jesus wieder zum großen Vorbild: Im Garten Gethemane hat er seinen Vater gebeten, das Leid nicht über ihn ergehen zu lassen. Aber er hat hinzugefügt: "Nicht mein Wille, sondern der deine." Dass Jesus mit seinem Vater gesprochen und ihn gebeten hat war nicht albern, aus purer Angst heraus und sowieso unnötige und leere Worte, sondern ein authentisches Gespräch, bei dem Jesu menschliche Natur zum Vorschein kam, die das Schlechte im Leben am liebsten natürlich vermeiden will. Aber als echte Kinder Gottes sind wir dazu aufgerufen, Gottes letztendlichen Willen anzunehmen.

 

C. S. Lewis bringt noch einen Vergleich: Es ist wie bei einem Schulleiter, der eine gewisse Schulordnung festlegt, aber darin auch noch Handlungsspielraum lässt. Wir können durchaus zu ihm kommen und fragen, wie das und das wäre, ob er dies und jenes für uns tun würde. Aber dazu müssen wir halt erst mal zu ihm gehen und mit ihm reden!

 Gott will unsere Bitten

 

Gott will auch, dass wir beten: "Sorgt euch um nichts; sondern in allem lasst durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden." (Philipper 4:6); "Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet." (Matthäus 7:7). Es gibt viele weitere Stellen in der Bibel, die uns sagen, dass unser Gebet gewünscht und keinesfalls umsonst ist.

In Lukas 18 erzählt Jesus das Gleichnis vom schlechten Richter: Zu diesem kam oft und immer wieder diese Frau, die etwas von ihm brauchte. Aber er hatte keine Muße, ihr zu helfen und das zu tun, was sie von ihm wollte. Doch sie blieb so hartnäckig, dass er sich irgendwann doch ergab, schon aus Angst, dass sie ihm sonst irgendeinen Ärger einbringen würde. Und dann heißt es: „Und der Herr fügte hinzu: Bedenkt, was der ungerechte Richter sagt. Sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht zu ihrem Recht verhelfen, sondern zögern? Ich sage euch: Er wird ihnen unverzüglich ihr Recht verschaffen. Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde den Glauben vorfinden?“

Eine Voraussetzung für die Wirkung unserer Gebete gibt es also: Glauben. Hierzu Jakobus 1: "Fehlt es aber einem von euch an Einsicht, so bitte er Gott, der jedem gern und ohne harte Worte gibt. Wer aber bittet, soll voll Vertrauen bitten und ohne jeden Zweifel; denn wer zweifelt, gleicht einer Meereswoge, die vom Wind im Meer hin und her getrieben wird." Ich muss ehrlich sagen, dass ich den ganzen Inhalt dieses Satzes noch nie ganz und gar begriffen habe, und glaube, dass noch sehr vieles mehr drin steckt. Aber eines wird klar: Wer Gottes Hilfe wünscht, muss glauben, dass er auch alles so lenken wird, so wie es für uns am Besten ist.

 

Gebet für andere

 

Warum beten wir eigentlich für andere?

Nun, wenn jemand irgendwie Hilfe bräuchte, dann wollen wir instinktiv selber helfen können. Dafür tun wir oft alles, gehn uns selber aus dem Weg, unterstützen, wo es geht. Das Gebet ist eine weitere Tätigkeit, mit der wir helfen können.

In der Bibel gibt es die Geschichte von dem Gelähmten, der von seinen Freunden zu dem Haus gebracht ist, wo Jesus gerade ist. Die Menschenmenge ist zu dicht, sie kommen mit der Bahre gar nicht an Jesus heran. Irgendwie schaffen sie es dann aber durch die Hintertür, zu ihm zu gelangen. Und dann heißt es: "... und sie ließen ihn durch das Dach hinab. Als Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!" Und Jesus heilt den Gelähmten auch noch am Leib: "Steh auf, nimm deine Tragbahre, und geh nach Hause!" Merkst du was? Jesus sah ihren Glauben, und heilte den Gelähmten. Es war nicht der Gelähmte selbst, der für sich gebittet hat, sondern vor allem seine Freunde.

 

Ich möchte noch etwas erzählen, das mir gestern passiert ist, wo mir das Gebet die einzige sinnvolle Handlung schien.

Ich habe online über eine Studentenverbindung eine junge Frau kennengelernt. Sie sagt mir, dass sie gerade aus gesundheitlichen Gründen keine aktive Studentin mehr ist, aber trotzdem, wenn auch nicht aktiv, bei der Verbindung dabei sein möchte. Wir chatten nur kurz, ich wünsche ihr alles Gute, besonders auch für ihre Gesundheit (auch wenn ich nicht weiß, was ihr fehlt), und sage, dass ich sie in meinem Gebet halten werde, wenn's ihr recht ist (ich weiß nicht, ob sie Christ ist). Ihre Antwort ist dieses Mal gespickt mit Ausrufezeichen und Blumen-Emojis und Worten der Dankbarkeit, die mich aus dem Screen heraus regelrecht anspringt.

Der Chat ist vorbei, ich wende mich an Gott und stelle ihm die junge Frau im Zusammenhang mit mir vor. Er kennt sie ja schon, nur ich nicht. Ich sage ihm, dass sie krank ist; dass ich nicht weiß, was genau sie braucht, aber dass er ihr doch bitte neue Kraft gebe und Fröhlichkeit und Zuversicht. Dass er ihr jetzt eine gute Nacht schenken möge, dass er jegliche Lücken in ihr, seien es Angst, Einsamkeit oder Trauer, füllen möge und ihr deutlich zeigen, dass sie nicht allein ist. Und dass sie diese Zeichen und seine Nähe wahrnehmen kann, auch wenn sie ihn bisher nicht kannte.

Ich werde vielleicht nie wissen, was mein Gebet bewirkt hat. Doch es hat Gott bewogen, sich dieser Frau anzunehmen, die vielleicht bisher noch  nie auch nur an ihn gedacht hatte. 

 

Jeder, dem schon einmal ein Gebet erhört wurde, weiß, wie mächtig Gebet sein kann.Vielleicht waren das große Dinge, vielleicht ganz kleine Sachen, vielleicht für uns, vielleicht für andere. Was wir hierbei nicht vergessen dürfen, ist, die Folgen auch anzunehmen als Gottes Gnade - sei es, dass wir direkt erhört worden sind, dass wir unerwartet anders erhört worden sind oder zum Schluss kommen, dass die Bitte (zumindest bis jetzt) noch nicht von Gott für richtig für uns empfunden worden ist. Und wir sollten nicht plötzlich alles auf die Umstände und Zufälle schieben, sondern uns bewusst machen, dass all diese Umstände und scheinbaren Zufälle jetzt nur durch Gott so sind, wie sie sind. "Wer bittet, der glaube." Wenn wir in wahrem Glauben gebetet haben, werden wir auch danach nicht vergessen oder zweifeln können. Und das Gebet sichert uns gleichzeitig Gottes guten Willen erneut zu; wir wissen also, dass nur das geschieht, was von Gott zugelassen wird. Siehe *Bibelspruch_auf_der_Landing-page* :)

Wir werden oft nie wissen, gerade, wenn wir für andere beten, was unsere Gebete schlussendlich bewirken. Aber zu wissen, dass Gottes "letztes Wort" unendlich gütig ist und uns alles zum Besten gereichen lässt, ist so tröstlich!

Wer sollte da nicht Tag und Nacht beten wollen? Wenn wir um nichts bitten wollen, dann doch wenigstens Dank für Gottes weise Führung unseres Lebens? Doch ich glaube, jeder von uns hat immer Menschen in seinem Leben, die Gebet brauchen, vielleicht nötiger als wir selber. Vielleicht wollen wir in Zukunft auch darauf schauen, ob wie den Satz "Ich bete für dich" zu leichtfertig gebrauchen. Wir versprechen da jemandem, etwas zu tun, und sollten das dann auch tun. Möglicherweise wissen die anderen diese Tat gar nicht so richtig zu schätzen, doch wir können wissen, dass Gott durch unser Bitten in deren Leben wirken wird. Was gibt es Schöneres?

 

Ich bete für euch :)

xoxo Natelle